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Anna-Maria Brandstetter
Leben im Regenwald
Politik und Gesellschaft bei den Bolongo (Demokratische Republik Kongo)
Reihe: Mainzer Beiträge zur Afrika-Forschung
Bd. 2, 1998, 448 S., 40.90 EUR, 40.90 CHF, br., ISBN 3-89473-358-6


Der Lebensraum der Bolongo ist der äquatoriale Regenwald im Süden des inneren Kongo-Beckens. Seit langem wird dieser als undurchdringlicher, bedrohlicher Urwald imaginiert, bar jeglicher gesellschaftlicher Ordnung und jenseits aller Geschichte, in dem die Menschen, isoliert voneinander, nur mit dem täglichen Kampf ums Überleben beschäftigt sind. Dieser Erdichtung des Lebens im Regenwald widerspricht die historisch-ethnographische Studie der Mainzer Ethnologin Anna" Maria Brandstetter über Politik, Religion und Gesellschaft bei den Bolongo. Sie zeigt, daß die politischen und religiösen Institutionen der Bolongo eine Geschichte haben, die vermittels oraler Traditionen konstruiert werden kann. Wie die anderen Mongo-Gesellschaften, zu denen sie gezählt werden, unterhielten die Bolongo vielfältige Beziehungen zu ihren Nachbarn, mit denen sie neben Prestigegütern auch politische `Güter' und rituelle Praktiken austauschten.

Die Patriarchen, Häuptlinge und Priester galten als Garanten für den Erhalt und Fortbestand des Lebens. Ihre Vermittlerstelle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits erlaubte ihnen, die Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten zu interpretieren und zu manipulieren. Dies verlieh ihnen in der Gesellschaft der Bolongo Macht und Autorität. Orale Traditionen lassen vermuten, daß in der vorkolonialen Gesellschaft der Bolongo auch Frauen Zugang zu diesen Ämtern hatten.

Mit der Einbindung der Bolongo-Gesellschaft zunächst in den Kolonialstaat und später in den unabhängigen Staat Zaire/Kongo kamen neue ökonomische und politische Kräfte ins Spiel. Eine neue Elite, die ihren Führungsanspruch mit ihrer schulischen Bildung, ihrer Beschäftigung im modernen Sektor der Gesellschaft und mit ihrem modernen Lebensstil legitimiert, stellte in den letzten Jahren verstärkt die alte Elite der Patriarchen, Häuptlinge und Priester in Frage.

Anna-Maria Brandstetter arbeitet als akademische Rätin am Institut für Ethnologie und Afrika-Studien der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz.





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