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Martin Seidel
Venezianische Malerei zur Zeit der Gegenreformation
Kirchliche Programmschriften und künstlerische Bildkonzepte bei Tizian, Tintoretto, Veronese und Palma il Giovane
Reihe: Bonner Studien zur Kunstgeschichte
Bd. 11, 1996, 360 S., 40.90 EUR, 40.90 CHF, gb., ISBN 3-8258-2660-0


Am Beispiel der Malerei von Tizian, Tintoretto, Veronese und Palma il Giovane geht es um das Verhältnis von Malerei und Gegenreformation/Katholischer Reform, um den Einfluß des tridentinischen Bilderdekrets und der kirchlichen Programmschriften vor allem von Gilio, Molanus, Carlo Borromeo, Paleotti, Comanini bis hin zu Federico Borromeo.
Zur Sprache kommen ikonographische Fragen und Fragen nach dem Bild als Mittel im Glaubenskampf. Der entschieden größere Teil der Arbeit ist der Absicht der Kirche, die Malerei zu reformieren, gewidmet. Dabei ist vom Verdikt des Weltlichen, des Heidnisch-Antiken und des Lasziven in Thema, Motiv und Darstellung zu handeln. An Darstellungen wie etwa "Hl. Magdalena", "Hl. Sebastian" und "Die Susanna im Bade" werden der moralische Nutzen der christlichen Bilder und die vielschichtigen Probleme der Nacktheit, der imitatio und einer erzieherisch funktionalisierten Gestaltungsweise diskutiert.
Auch auf die Bildquellen ist einzugehen; oft bedienen sich gerade pointiert gegenreformatorische Bildideen und emotional besonders ergreifende Szenen apokrypher und legendärer Motive und haben so die in den Bestimmungen des Bilderdekrets und der Bildervorschriften verpönte imago insolita `kirchenfähig' gemacht.
Was die `didaktische' Funktion der Bilder anbelangt, gab es künstlerische Manifestationen, die sich auf die Vorstellung der Biblia pauperum ostentativ besonnen haben. Die Relativität des Bildes als wesentliches Moment eines legitimen Bilderkultes bildete auch den Ausgangspunkt für vereinzelte bildkünstlerische Innovationen im Bereich der Stifter- und Votivbilder. Überhistorische `triumphale' Präsentationen der Madonna oder Heiliger in der Glorie, die dem Geist der Gegenreformation zusagten, stehen dagegen in Widerspruch zu Forderungen einzelner katholischer Bildertheoretiker.
Schließlich geht es um die in den Traktaten gegen den Manierismus geforderte Naturwahrheit und gravità der Darstellung, um Parerga und Fragen der Bildregie, um Pathos, hierarchische Bildstrukturen, ikonische Präsentationen von Bildfiguren, Frontalisierungen der Bildgestalt und Symmetrien - alles Erscheinungen, die sich ohne weiteres in das religiöse Klima der Zeit fügen, ohne daß dabei einem Traktat geopfert worden wäre. Aktualisierungen der Bildgestalt in Schauplatz, Kostüm und Personal werden häufig als Folgeerscheinung tridentinischer `Bilderbedürfnisse' gedeutet. Der durch Assistenzfiguren, Kryptoporträts und die Verwendung von Modellen erzielte `Realismus' der Bildgestalt stößt sich aber elementar an den übergeordneten Geboten des decorum und der ars sacra sowie tridentinischen imitatio-Postulaten.
Die abschließende synthetisierende Betrachtung gilt Fragen der künstlerischen `Wahrheit' und `Wahrscheinlichkeit' sowie der compassio bei der Darstellung von Martyrien.





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