Klaus-Peter Brenner

Dörfliche Musik aus dem Distrikt Bodrum, Südwest-Türkei

Stiluntersuchungen anhand der Sammlung Reinhard 1968 und eigener Feldaufnahmen 1984-86
3 Teile: Text- und Transkriptionsband, Audio-Cassette
Reihe: Musikethnologie

Bd. 2, 1992, 685 S., 50.90 EUR, br. ISBN 3-89473-442-6


Abstract (Klaus-Peter Brenner)

Die Studie leistet einen regional-monographischen Beitrag zu der in den 1930er Jahren von Adnan Saygun und Béla Bartók begonnenen und nach dem II. Weltkrieg von Deutschland aus durch Kurt Reinhard (Berlin) und seinen Schülerkreis weitergeführten Erforschung der türkischen Volksmusik. Den Gegenstand der Studie bildet ein 1968 in dem südwest-türkischen Küstenstädtchen Bodrum und umliegenden Dörfern von Kurt Reinhard und 1984-86 an denselben Orten vom Autor aufgenommenes Repertoire lokaler Tanzliedmelodien. Diese wurden dort zum Zeitpunkt der Aufnahmen von semiprofessionellen Ensembles - in der Besetzung Gesang oder Klarinette (klârnet) / Violine (keman) / banjoisierte orientalische Laute (cümbüs) / Bechertrommel (darbuka) - vor allem im Rahmen von Hochzeitsfesten aufgeführt. Das Repertoire gehört - als lokalspezifische Ausprägung - dem gesamt-westanatolischen Stilareal der zeybek-Tänze an.

Der Autor - primär an der kognitiven Dimension der Musik selbst interessiert - untersucht auf der Basis detaillierter Transkriptionen eine repräsentative Auswahl von Aufführungen solcher Melodien. Ausgehend von einer Diskussion der jeweiligen theoretischen und methodologischen Prämissen werden deren metro-rhythmische, tektonische und tonsystemische Aspekte sowie deren Textdichtungen und das Text-Musik-Verhältnis einer systematischen Analyse unterzogen. So werden - einerseits parameterweise am Gesamtrepertoire und andererseits, komplementär dazu, in der Zusammenschau der Parameter an jedem Einzelstück - die (auch für die Gewährsleute selbst) impliziten Modelle und Erzeugungsregeln dieser Musik, also die Grundzüge ihrer Grammatik, Schritt für Schritt sichtbar gemacht.

Die Analyse zeitigt dabei zum Teil überraschende Einsichten in die Beschaffenheit dieser brauchgebundenen und rein gedächtnismäßig überlieferten Musik, sowohl was die invariablen als auch was die variablen Aspekte betrifft. Zeigt sie doch, daß das Repertoire nicht nur eine Summe von Einzelstücken ist, sondern vielmehr ein komplexes kognitives Gesamtsystem repräsentiert, das sich durch eine hochgradige Vernetzung seiner musikalischen Elemente auszeichnet und das damit den Spielraum für die Entfaltung individueller musikalischer Kreativität - sowohl bei der Aufführung bereits existierender als auch bei der Erfindung neuer Lieder - in einer für diesen südwest-türkischen Regionalstil charakteristischen Weise begrenzt und strukturiert. Hierzu einige Details in Stichworten:

Der Autor legt mit dieser Arbeit eine der bis dato profundesten Analysen der grammatischen Grundlagen eines vorderorientalischen Volksmusikidioms vor.