Vorwort

Der gegenwärtige Krieg auf dem Balkan erinnert in manchem an den Beginn unseres Jahrhunderts. Mit dem Zerfall multinationaler Staaten geht die Virulenz moderner Nationalitätenkonflikte einher. Lange schien ihre Blutspur abgebrochen, nun taucht sie wieder auf. Entfesselte nationalistische Gewalt ging auf dem Balkan dem Ersten Weltkrieg voraus, den George F. Kennan die europäische "Urkatastrophe" genannt hat. Wie man heute den Krieg in Jugoslawien beurteilt, hängt davon ab, welchen Rückfall man schwerer gewichtet, die Wiederkehr des Kriegs oder die Wiederkehr des gewalttätigen Ethnonationalismus.

Die Entwicklung auf dem Balkan hat uns genötigt, einmal mehr und kursiv contre coeur Europa in den Mittelpunkt zu rücken. Schon im letzten Herbst zeichnete sich ab, daß das Friedensgutachten, seine Ergebnisse, Vorschläge und Anregungen mehr Gehör finden würden. Bestätigten die Koalitionsvereinbarungen diese Erwartungen, so ereilte die Geschichte die neue Regierung noch vor ihrem Regierungsantritt. Der Deutsche Bundestag beschloß im Oktober 1998 mit überwältigender Mehrheit, sich an der Seite der Verbündeten an einer militärischen Intervention im Kosovo zu beteiligen - notfalls auch ohne Mandat des UN-Sicherheitsrats. Zwar betonten Spitzenpolitiker der alten wie der neuen Regierung kursiv unisono, damit wolle und dürfe man keinen Präzedenzfall schaffen; doch genau der ist nun eingetreten.

Friedensforschung ist mit ihrem wissenschaftlichen Anspruch qua definitione nicht identisch mit Pazifismus, auch wenn die Gleichsetzung im politischen Handgemenge Tradition hat. Und Friedensforschung gibt nicht vor, auf alles eine Antwort zu wissen. Wir verstehen unsere Arbeit als Ansporn, zur Verringerung von Gewalt und zur Vermeidung von Krieg beizutragen und unsere Ergebnisse dazu als Vorschläge in die gesellschaftliche und politische Diskussion einzubringen. Im Unterschied zu den im akademischen Wissenschaftsbetrieb üblichen Sammelbänden ist das Friedensgutachten ein Gemeinschaftsprodukt und lebt von der Kommunikation und Diskussion in und zwischen den drei Instituten. Wir sind uns nicht in allen Fragen einig. Aber wir bemühen uns, Differenzen und Kontroversen nach den Regeln wissenschaftlicher Stringenz und Plausibilität zu begründen, auszutragen und auszuhalten.

Dieses Buch ist unter ungewohnten Bedingungen fertiggestellt worden: Die Bundesrepublik führt Krieg. Um so wichtiger ist es, darauf hinzuweisen, daß alle Einzelanalysen im April 1999 beendet wurden und die Stellungnahme der Herausgeber am 20. Mai 1999 abgeschlossen wurde. In einem Krieg sind drei Wochen eine lange Zeit. Das mußte die unmittelbar praktische Handlungsrelevanz unserer Empfehlungen notgedrungen schmälern; ihre prinzipielle Bedeutung dürfte davon nicht beeinträchtigt werden.

Geplant hatten wir für dieses Jahr ursprünglich einen zentralen Schwerpunkt zur Asienkrise. Ihre sozialen und politischen Auswirkungen sind ungewiß, haben aber beträchtliche sicherheitspolitische Implikationen, genannt seien nur Indonesien, Nordkorea oder China. Hinzu kam die Herausforderung, sich mit einer Region gründlich zu beschäftigen, die trotz ihres schnell wachsenden ökonomischen und politischen Gewichts von der deutschen Friedensforschung stiefmütterlich behandelt wird. Der Asienschwerpunkt in diesem Gutachten zeugt davon, daß sich die Anstrengung gelohnt hat.

Hier ist auf eine Reihe inhaltlicher und technischer Veränderungen im Friedensgutachten aufmerksam zu machen. Verändert sind nicht nur das Format und das Layout. Wir haben die Einzelanalysen differenziert durch die Einführung von Kurzbeiträgen, die in der Regel an Themen anknüpfen, die wir früher ausführlich behandelten. Und während wir es bisher fast ausschließlich mit Autorinnen und Autoren aus den drei Instituten bestritten haben, versuchen wir nun stärker, uns anderen Einrichtungen der Friedensforschung zu öffnen. Das schlägt sich diesmal bereits in der Zahl von fünf Autoren aus anderen Instituten und von Universitäten nieder. Wir beabsichtigen, diese Öffnung noch auszuweiten.

Die Grundlage des Friedensgutachtens bilden die Einzelanalysen. Auf sie stützt sich die Stellungnahme "Zur gegenwärtigen Situation", die aber in der Pointierung und Bewertung der Ergebnisse als eigenständiger Teil allein von den Herausgebern zu verantworten ist.

Nicht mehr dabei als Herausgeber ist diesmal Friedhelm Solms. Er hat von Anfang an, d.h. seit 1987, am Friedensgutachten mitgewirkt, wofür wir ihm an dieser Stelle herzlich danken möchten. Sein Nachfolger für die FEST ist Ulrich Ratsch.

Das Friedensgutachten erscheint 1999 zum dreizehnten Mal. Die Gesamtredaktion lag turnusgemäß bei der HSFK in Frankfurt. Verdient gemacht haben sich durch zupackende Mithilfe Hendrike Vahl, Johanna Knöss und Katja Rüb während eines Praktikums in der HSFK. Zu danken ist Hedda Wagner, beim Korrekturlesen in allen Zweifelsfällen die letzte Instanz, und ganz besonders Cornelia Heß, ohne deren zuverlässige und nervenstarke Arbeit der Gesamttext nicht zustande gekommen wäre.

Frankfurt, Heidelberg und Hamburg, den 8. Juni 1999

Die Herausgeber