Einleitung

Am 20. August 1998 zertrümmerten amerikanische Marschflugkörper die Fabrik Shifa in Khartum. In den vorangegangenen Monaten hatten Präsident Clinton und die US-Administration mehrfach vor der völkerrechtswidriger Produktion chemischer und biologischer Kampfmittel und vor dem internationalem Terrorismus gewarnt. Am 7. August hatten diese Warnungen durch die barbarischen Bombenanschläge auf die Botschaften in Nairobi und Daressallam eine blutige Bestätigung gefunden.

Nun schlugen die USA zurück: auf ein mutmaßliches Ausbildungslager von Terroristen in Afghanistan und auf die Fabrik Shifa. Diese war eines der Ziele der Angriffe, weil behauptet wurde, daß sie von dem für die Anschläge verantwortlichen Terroristenchef Osama bin Laden finanziert wird und weil in dieser Einrichtung unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen eine Vorstufe für den chemischen Kampfstoff VX produziert worden sein soll.

Aber schon am Abend des Angriffs soll der deutsche Botschafter im Sudan das Auswärtige Amt unterrichtet haben, daß die Fabrik Shifa eine völlig offene Arzneimittelfabrik sei. Im gleichen Zusammenhang wurden Berichte der New York Times zitiert, wonach sich die bombardierte Anlage nicht zur Herstellung chemischer Kampfstoffe eigne. Zudem meldeten amerikanische Medien, der Verdacht geheimer Produktion von Kampfstoffvorstufen basiere auf einer einzigen Bodenprobe, die Monate vor der Attacke außerhalb des Firmengeländes entnommen worden sei. Darüber hinaus wurden Chemiker zitiert, die es für nicht unwahrscheinlich hielten, daß hier eine Verwechslung mit einem Unkrautvertilgungsmittel vorgelegen haben könnte.

Vielleicht sind die Hintergründe für den Schlag gegen Shifa aufgeklärt, wenn dieses Buch erscheint. Vielleicht ist dann schon klar, ob die amerikanischen Geheimdienste in diesem Fall richtig informiert waren oder aber sich schrecklich geirrt haben. Wenn das der Fall sein sollte, wäre das allerdings nicht überraschend: Zumindest auf dem Gebiet der Entwicklung, Herstellung und Anwendung von Massenvernichtungsmitteln haben sich die Geheimdienste aller Herren Länder häufig schon mehrfach gewaltig getäuscht - wenn auch nicht mit so schwerwiegenden Folgen.

So hatte der britische Geheimdienst beispielsweise vor 60 Jahren berichtet, in Hitlerdeutschland, in Berlin, gäbe es ein militärisches Institut, in dem nicht nur Vorstufen für Massenvernichtungswaffen hergestellt, sondern sofort einsetzbare biologische Kampfmittel produziert und hinsichtlich ihrer Waffenfähigkeit getestet würden.

Biologische Kampfmittel - auch bezeichnet als "biologische Waffen" (BW) oder "Biowaffen" - sind Bakterien, Viren, Pilze und andere Krankheitserreger sowie Schadinsekten, die eingesetzt werden können, um bei Mensch, Tier oder Pflanze Krankheit oder Tod zu bewirken. Zu den bekanntesten und wirksamsten biologischen Waffen gehören Milzbrandbakterien ( Bacillus anthracis), insbesondere ihre höchst widerstandsfähigen Dauerformen, die Bakteriensporen. Im Oktober 1937 wurde den Mitgliedern des britischen Komitees für biologische Kriegsführung ein Geheimdienst-Dokument übermittelt in dem behauptet wurde, daß ein bakteriologisches Institut der Wehrmacht in Berlin, "große Mengen von sporenbildenden Bakterien (Milzbrandbakterien) produziert und sie in Trockenform aufbewahrt. Die Milzbrandbazillen weisen eine außergewöhnlich hohe Infektiosität auf. Wenn die Sporen direkt eingeatmet werden, so wird mit einer 95 Lungenmilzbrand verursacht, der zu 80 sporenhaltige Nahrungsmittel oder Flüssigkeiten aufgenommen, so resultiert Darmmilzbrand mit zu 95 ist nicht möglich".

Zur Verbreitung der Sporen seien verschiedene Möglichkeiten untersucht worden:

a) Abfüllung von Sporenaufschwemmungen in 5-, 20- und 30-Gramm Glaskölbchen, die vom Flugzeug über mittleren oder großen Städten abgeworfen werden könnten.

b) Versprühung der Sporenaufschwemmung aus einem entsprechenden Behälter unter Druck, sodaß - "wie aus einer Gießkanne" - ein dichtes Tropfenfeld resultiert. Entsprechende Sprühflugzeuge seien von den Deutschen bereits im Mai 1936 konstruiert worden.

c) "Nicht detonierende Bomben", das sind sporenhaltige Gefäße an einem Fallschirm, der sich in bestimmter Höhe öffnet. Der Behälter selbst öffnet sich 25 Meter über dem Boden und setzt den unter leichtem Druck stehenden Inhalt frei, sodaß eine dichte Sporen-Wolke entsteht.

Zwar wurde in einem weiteren, im folgenden Monat verbreiteten Dokument einschränkend darauf hingewiesen, "daß es sich bei dem Bericht über die Kultivierung von 'sporenbildenden' (Anthrax-)Bazillen, die von Flugzeugen aus über Feindesland verbreitet werden sollten, um einen zweifelhaften Bericht handle, den wir nur unter starkem Vorbehalt herausgeben". Im Sommer 1939 waren jedoch erneut Informationen aus Quellen eingegangen, die "zuverlässiger als üblich" waren. Sie bestätigten die zuvor erhaltenen Befunde über deutsche Anthrax- Aktivitäten. Nach diesen neuen Informationen prüften die Deutschen "Granaten, die mit Mikrobenkulturen infiziert wurden. Diese weisen eine große Hitzeresistenz auf (200C und mehr sind angegeben). Einmal in eine Wunde eindrungen, werden sie sehr virulent und widerstehen allen Desinfektionsmitteln, sodaß sogar bei den am wenigsten Verwundeten eine Todesrate von 95 wird". Damit war natürlich ein höchst akutes Bedrohungsszenarium beschrieben. Wie hätten die Briten und andere Staaten 1937 auf diese beunruhigenden detaillierten Meldungen reagiert, wenn sie damals bereits Cruise Missiles oder andere Waffensysteme zur Verfügung gehabt hätten, mit denen ein präventiver Gegenschlag hätte durchgeführt werden können? Hätten sie das Robert-Koch-Institut oder eine andere andere bakteriologische Einrichtung in Berlin - vielleicht auch ohne Vorwarnung - angegriffen?

Zum Glück nicht. Obwohl Milzbranderreger vom deutschen militärischen Nachrichtendienst bereits während des Ersten Weltkriegs für Biosabotageaktionen eingesetzt worden waren, stimmte nichts an den vom britischen Geheimdienst erhaltenen und an die Regierung weitergegebenen Informationen.

Die deutsche Führung und das deutsche Militär waren vor und während des Zweiten Weltkrieges nicht an biologischen Kampfmitteln interessiert, sie führten auf diesem Gebiet keine nennenswerten Arbeiten - im folgenden als "BW-Aktivitäten" bezeichnet - durch. Dies ist das eindeutige Ergebnis von zwei historischen Analysen über die Entwicklung und den Einsatz biologischer und Toxin-Kampfmittel zwischen 1915 und 1945. In der einen werden vergleichend die Geschichte der BW-Aktivitäten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Polen, der Sowjetunion und den USA darstellt.

Da dies aber in einem sehr weitgespannten Rahmen erfolgt, bin ich gern dem Vorschlag von Dr. Wilhelm Hopf, dem Chef des LIT Verlags, und dem Rat von Freunden und Kollegen gefolgt, in einer wesentlich kürzeren Darstellung das Thema "Hitler und die Biowaffen" zu behandeln und mich in dieser Darstellung darauf zu konzentrieren, was im sognannten Dritten Reich und speziell während des Zweiten Weltkriegs auf diesem Gebiet passierte - oder genauer: nicht passierte. Auch dabei spielten Fehler der Geheimdienste eine wesentliche Rolle, einschließlich der Tatsache, daß - unzutreffende - Berichte der Abwehr über gegnerische BW-Aktivitäten benutzt wurden, um bei Hitler eine Genehmigung für BW- Aktivitäten einzuholen. Erstaunlicherweise ließ sich Hitler von diesen Agentenmeldungen nicht beeindrucken und ordnete an, daß in Deutschland keine Vorbereitungen für den Einsatz biologischer Kampfmittel getroffen werden dürfen. Darüber wird in diesem Buch im Detail berichtet, und es wird gefragt, warum Hitler diese Entscheidung getroffen und bis Kriegsende daran festgehalten hatte. Er selbst hat sich dazu offenbar nie geäußert.

Im wesentlichen basiert das Buch auf Dokumenten, die in den an anderer Stelle genannten Archiven zugänglich sind. Deren Leitern und Mitarbeitern sei für die Unterstützung meiner Arbeit deshalb auch hier nochmals sehr herzlich gedankt, auch für die Möglichkeit, Dokumente aus ihren Archiven hier nachzudrucken. Mein Dank gilt meiner Frau Renate, Frau Gudrun Thomas-Petersein und meinem Mitarbeiter Dr. Ernst Buder, die diesen Text kritisch durchgesehen haben. Vor allem möchte ich der Volkswagen-Stiftung und insbesondere ihrem Mitarbeiter Dr. Alfred Schmidt dafür danken, daß sie meine Arbeit seit Jahren großzügig unterstützt und damit auch dieses Buch ermöglicht haben.